Briefe
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An Peter Misch 5
Auf eine zwischenzeitliche "Widerlegung" des Schreibens (Paranthese)
Peter Schreiber, Köln
An Peter Misch
Zuerst Grüße im Herrn und vielen Dank für die Mühe bezüglich der Paranthese-Problematik. Vielleicht ist es ganz gut, zunächst einmal zu klären, was das eigentlich ist: die Schrift auslegen. Auslegen, auch interpretieren, nicht zu verwechseln mit Deuten 1), genannt, ist nicht dasselbe wie Lesen. Die Bibel kann jeder lesen, der lesen kann und damit ist der erste Schritt mit der Bibelarbeit schon getan. Anders sieht es aus, wenn die Schrift schwierig wird und sich zu widersprechen scheint. Die heilige Schrift widerspricht sich aber nicht, sondern stellt allenfalls vor Probleme, die dem Ungeübten Kopfzerbrechen bereiten. So wäre der Christ, wenn man die Worte des Jakobusbriefes an verkehrte Gedanken anbindet, in Nöten, denn nach Paulus ist er gerettet „allein aus Glauben" und „ohne Werke des Gesetzes", Jakobus aber mahnt die Werke an. Schaut man aber mit Hilfe des heiligen Geistes nocheinmal genauer hin, merkt man, dass Paulus von „Gesetzes Werken" redet, wobei hier jüdisches Denken rund um die Erfüllung des mosaischen Gesetzes im Blickpunkt seht, Jakobus aber von den Werken, nicht von Gesetzeswerken, spricht, die als logische Folge des Glaubens wie Früchte sichtbar werden. Also: Paulus warnt vor dem Denken, die Erfüllung von Gesetzen als Basis, als Wurzel des Glaubens-"baumes" zu betrachten -da hätte Jesus den Opfertod nicht sterben brauchen- Jakobus mahnt die Früchte desselben „Baumes" an. Was haben die Feinde der Bibel hier schon gezetert, wie widersprüchlich die Bibel sei. Solcherart „Widersprüche" gibt es eben in der Bibel, wenn der Leser (noch) nicht weiß, oder nicht wissen will, worauf die Schrift hinausläuft. Oft merkt man das, wenn Irrlehrer nicht die Schrift erklären wollen, sondern schon auf etwas Bestimmtes hinauswollen, was sie so gern beweisen wollen.
Im Licht dieses Beispiels, das uns allen gleichermaßen einleuchtet, will ich klarstellen, dass eine Leseproblematik nicht mit einer Auslegeproblematik zu verwechseln ist. Natürlich kommt es vor, dass die Grenze zwischen diesen beiden Problemen nicht so klar zu ziehen ist, wir wollen aber nicht aus jeder Leseproblematik den Streit wegen der Auslegung-Vollmacht in den Vordergrund rücken.
Jeder muss nach Epheser 3, 14ff selber wissen, ob er seine Kniee vor dem Vater beugt, oder sich in Wirklichkeit selbst verwirklichen will.
14Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, 15 von dem jede Vaterschaft in den Himmeln und auf Erden benannt wird: 16 er gebe euch nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, mit Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inneren Menschen; 17 daß der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in Liebe gewurzelt und gegründet seid, 18 damit ihr imstande seid, mit allen Heiligen völlig zu erfassen, was die Breite und Länge und Höhe und Tiefe ist, 19 und zu erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, damit ihr erfüllt werdet zur ganzen Fülle Gottes.
Vers 18 klärt deutlich, dass es eine Höhe, Breite, Länge und Tiefe gibt und dass diese nicht zu erfassen ist, wenn nicht die Elemente der Verse 14-19 erfüllt sind. Ich sage es mal drastisch: Was weiss ich, ob der „Heilige Kirchenvater XY" seine Kniee vor dem Vater gebeugt hatte, als er auf neue, unbiblische Gedanken kam. Nur ich allein weiß, ob ich das tue oder ob ich ein geistiger Luftikus bin, der -wie z.B. die Gnostiker- eigentlich nur meinen Widerwillen gegen das Wort Gottes zum Ausdruck bringen will. Also: Wer legt die Schrift aus und in welcher Vollmacht?
Als ich noch Atheist war, war ich längere Zeit in politischer Haft und dort wegen renitentem Verhalten in Arrest- und Einzelhaft. Dort hatte ich Mithäftlinge kennengelernt, die aufgrund ihrer Überzeugung sich nicht beugen wollten und oft viele Monate oder 1 Jahr in Einzelhaft saßen. Einer von ihnen war der Peter P. aus Berlin. Nach der Wende spielten sich dann alle möglichen Geisteswissenschaftler, Professoren und Doktoren als die großen Erklärer auf und hielten Vorträge über die DDR-Haftbedingungen, das Justizsystem usw. Wieviel Unsinn wurde da geredet! Als ich jüngst nach 26 Jahren den Peter P. erstmal wieder traf, war das etwas ganz anderes als diese wissenschaftsumwölkten Dummköpfe. Was will ich mit dieser Geschichte sagen? Ich habe Peter P. dort in der Einzelhaft gesehen, erlebt, seine Lieder über den Flur vernommen, seine Aufmunterungen erfahren, seine Unnachgiebigkeit gesehen. Das war authentisch! Auch wenn es für eine falsche Sache war, ich weiß.
Wer nicht bereit ist, mit mir z.B. 3 Tage zu fasten (also jeglicher Verzicht auf Nahrung und Getränke) und um die Wahrheit zu beten
der braucht mir nichts von seiner sogenannten „Wahrheit" zu erzählen.
-, natürlich ohne Bilder, denn es heisst lobend in der Schrift über Mose:
Hebräer 11, 27 : Durch den Glauben verließ er Ägypten und fürchtete nicht den Zorn des Königs; denn er hielt sich an den, den er nicht sah, als sähe er ihn.
Wer mir nur seine heidnischen Gedanken darlegen will, der soll mich ehrlich gesagt in Ruhe lassen. Wer aber „auf dem Weg" ist, wie man früher das Christsein auch nannte, der ist mein Bruder.
Das will ich damit sagen.
Und nun: Ja, der Urtext kennt eigentlich keine Interpunktion und daher natürlich auch keine Paranthese-Striche. Ich wollte ja auch nicht -wie Sektierer es oft tun- mich auf ein Element der deutschen Übersetzung stützen ohne zu fragen, ob der Urtext das auch so zeigt. Wir wissen ja, welche Tücken die Übersetzungen haben, die meist nicht im Sinne der Wahrheit stehen, sondern oft im Sinne einer bevorzugten Lehre. Besonders Prof. Dr. Luther möchte ich hier genauso kritisieren wie die Macher der Elberfelder Übersetzung, die doch angeblich so urtext-treu sein will.
(Beispiele sind hier sicherlich unnötig. Im Übrigen hat Luther, entgegen einigen Öffentlichen Meinungen lediglich mal schnell aus der lat. Vulgata übersetzt. Er konnte auch gar kein Griechisch.)
Aber -und das wollte ich sagen- die Übersetzer setzen die Striche doch nicht aus Spaß. Das Nichtvorhandensein eines Zeichens kann es aber im Deutschen durchaus empfehlenswert erscheinen lassen, es zu setzen. Das liegt daran, dass der Übersetzer griechisch kann, und der Fehllesemöglichkeit -auf die ein Grieche gar nicht käme- Einhalt gebieten wollte. Allerdings müssen sie das nicht tun. Im vorliegenden Fall, wo ja abwegigerweise mit der reinen Möglichkeitsform gearbeitet wird, die Betrachtung des Urtextes ließe eine Hinlenkung der Aussage auf Maria zu, stößt diese Auffassung ja konfrontativ auf die geballte Aussagekraft der gesamten Bibel, die eine Marienverehrung oder eine Mittlerschaft Mariens kategorisch verneint, indem sie dazu konkrete, nicht durch Interpretation entstandene Aussagen trifft. Hier besonders 1. Tim. 2,5 zur Mittlerschaft Jesu! Also zeigt dadurch der heilige Geist, dass Lk. 2,34 ff. mit Sicherheit nicht in Form eines Rätsels eine konträre Lehre aufstellen will.
Auch wenn Fridolin Stier keine Paranthese benutzt, weil er das Verständnis dem Leser überlässt, darf nicht vergessen werden, dass F. Stier römisch-katholische Theologie studiert hat und (1940) das Katholische Bibelwerk in Stuttgart gegründet hat. Von 1946 bis 1954 war er katholischer Ordinarius für das Alte Testament. Ich brauche nicht darauf hinzuweisen, dass der Bezug auf F. Stier allein hier schon irgendwie unlauter wirkt, außerdem wurde er wegen Übersetzungsstreitigkeiten zeitweilig vom Lehramt entbunden.
Warum hat übrigens auch die heutige Vulgata und der griechische Text nach Nestle-Aland die Paranthese bei Lk.2, 34 ff. ? Die können doch nicht alle ... (gegen die Marienvereehrung?)
Du meinst, dass der heilige Geist „beide Verständnisse" gewollt habe. Seit wann gibt es denn so etwas in der heiligen Schrift?? Dass die Bibel durch „andere Verständnisse" verdreht wird, heißt doch nicht: „vom heiligen Geist explizit so gewollt."
Sonst hätten wir ja sehr oft mehrere mögliche Verständnisse, die alle denkbar sind - und: wer den Heiligen Geist hat, der trifft sozusagen (durch Gottes übernatürliche Kraft) die richtige Variante? Eine solche Lehre ist unbiblisch.
Im Übrigen hätten wir im vorliegenden Fall drei Varianten, da z.B. die [von der katholischen Kirche miterarbeiteten] „Einheitsübersetzung" die Möglichkeit des Bezuges auf Maria ausdrücklich durch die Auflösung der (sichtbaren oder unsichtbaren) gewollten oder ungewollten Paranthese ausschließt!! Das hatte ich in dem Schreiben aber ausdrücklich mitgeteilt! Es scheint bezeichnend für deine Art, mit kritischer Analyse umzugehen, unpässliche Punkte auszuklammern. Warum sollte denn die Einheitsübersetzung den Text so gestalten, dass dein gewünschtes -nach einer Wunschmöglichkeit erdachtes- Resultat gar nicht mehr möglich ist?
Wir alle wissen um die Urtext-Problematik. Trotzdem kann man keineswegs von einer „wissenschaftlichen Unvollkommenheit" sprechen. Wir haben heute weit weniger Urtext-Fragen als die Feinde der Schrift immer rumposaunen, mehr Not täte eine ehrliche Übersetzung. Wie übersetzt denn Stier 1. Joh. 5, 21 , Apostelg. 15,20 (eidolon; simulacrum) was ist denn bei ihm pharmakaia? Auch Zauberei? Da sollte man mal anfangen, sich für das Wort Gottes stark zu machen und nicht die alte unleidliche Textkritik so überbewerten. Fangen wir doch dort an, wo der Sinn oder sogar der exakte Wortlaut feststeht (z.B. bei den Geboten)! Es wäre nicht schlecht gewesen, wenn du im Gebet einmal darüber nachgedacht hättest, was das denn bedeutet, Jesus Christus ist derselbe gestern heute und in Ewigkeit. Oder meinst du -trotz des Folgesatzes bezüglich Irrlehren- bezöge sich der Satz auf die metaphysische Beschaffenheit Jesu? Eine Marienverehrung 2) gab es in urchristlicher Gemeinde nicht. Tschüß und Gottes Segen.
1)Deuten wird oft fälschlicherweise statt interpretieren gesagt. Deuten ist allerdings nicht verbal begründend möglich, z.B.: Wer oder was ist das Tier mit den 10 Häuptern aus der Offenbarung; Wer
ist der König des Nordens (aus Daniel) usw. Zum Deuten gehört große Glaubens- und Bibelerfahrung und primär die Gabe Gottes zum Deuten. Vom Deuten soll man im Zweifelsfall immer die Finger
lassen.
2)Maria hat erst seit dem Konzil von Ephesus 431 deshalb eine Sonderrolle, weil sie Jesus Christus geboren hat ("Gottesgebärerin").
Tags: Paranthese, Bibelarbeit, Widersprüche, Kirchenväter, Fasten, Konzil, Ephesus, Maria


