Briefe
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An Richard Schutty
Baptistischer Leiter
Antwort: Keine
Köln, 23.11.2006
Schutty Richard
Essen
Lieber Richard Schutty,
zunächst die segenreichsten Grüße in Christus und alles Gute für dich und Rose (und andere Angehörige)!
In deinem Gedächtnis bin ich sicherlich verschleiert und unklar verhaftet, daher eine Beschreibung von mir.
1982/83 war ich ca. 1 Jahr in Essen in der Söllingstraße. Da ich Christ bin und es damals schon war, wirst du dich vielleicht erinnern. Ich war 24 Jahre alt (meist Vollbart) und ehemaliger
politischer DDR- Häftling. Ich war neu bekehrt und in deinen Augen vielleicht etwas besserwisserisch. Du warst einer der wichtigsten Glaubensbrüder meiner Anfangszeit, vielleicht weisst du noch, dass
du mir geraten hast, mich wegen eines Vergehens selbst bei der Polizei zu melden. Das habe ich auch umgehend getan, wie du weisst. Nichts ist wichtiger, als richtig „tabula rasa" im Glauben. Du
hattest dadurch gesehen, dass ich es ernst meinte. Ich danke dir hiermit nochmals für deine Führung meiner ersten Schritte im Glauben. Das gilt auch Günter, was ist aus ihm geworden? Er war ein
wiedergeborener Christ und damals Sozialarbeiter, oder zumindest pädagogisch im Haus tätig. Er hat mir sehr viel bedeutet, da auch er Christus in sein Herz aufgenommen hatte.
Sollte etwas zwischen uns sein, wovon ich nichts mehr weiß, bitte ich hier um Vergebung und Verständnis für einen damals jungen Mann nach schweren Enttäuschungen und harten -meist unrechten- 4,5
Jahren in DDR Gefängnissen. (Ich bin später gerichtlich rehabilitiert worden und habe pro Hafttag 10 € Entschädigung erhalten. Nun was solls, Geld bedeutet mir nichts).
Lieber Richard, warum schreibe ich dir diesen Brief? Nun, ich bin beim Stöbern in einem Internet-Café auf Publikationen von dir gestoßen, die mir sehr gut gefallen (z.B. Hauskirchen). Natürlich hatte
ich dich nicht vergessen, aber dein Name wurde mir erst dadurch wieder gegenwärtig. Ich habe den großen Wunsch, diesen Brief zu schreiben. Daher zunächst folgende Punkte:
1. Ich schreibe nicht, um Streit zu suchen, sondern aus Liebe zu Jesus und seinem Wort und allen Geschwistern;
2. Was immer ich schreibe: Es bedeutet nicht, dass ich dächte, ich wäre kein Sünder oder es gäbe die perfekte Gemeinde;
3. Ich glaube, dass wir alle offen sein müssen für die Wahrheit der Bibel, da es um unsere Seelen geht. Wehe dem, der Streiterei sucht und dem der nur seine Ruhe haben will.
Pastor Wuttke predigte einmaI: "Wir Erwachsene haben einem 5-jährigen Kind gegenüber Gott nichts Voraus, nicht ein kleines bisschen". Das stimmt. Deshalb hilft nur Demut und Liebe gegenüber dem Wort Gottes als dem klaren Willen Gottes. Gott „lieben" und sein Wort missachten hieße: Gott nicht lieben. Richard, natürlich schreibe ich das nicht dir, du weißt das ja lange. Du bist sehr fleissig und setzt deine Kraft und Intelligenz für den Glauben ein z.B. durch Bücher wie „Die erste Gemeinde - Die frühe Kirche".
Nun liegt mir aber eine Sache am Herzen, die so alt ist wie unsere Bekanntschaft und ich würde gern deine heutige Meinung erfahren. Es grassiert seit Jahrzehnten die Meinung, dass Christen keine
Gebote halten brauchten. Jeder auch nur leiseste Versuch, daraufhinzuweisen wird mit „Gesetzlichkeit" abgewiesen oder sogar mit: „aus der Gnade fallen". Durch falschverstandenen Galater- Römer- und
Kolosserbrief wird eine Freiheit gepredigt, die die Bibel nie gemeint hat und auch die Urchristen nie praktizierten. So ergeht Offenbarung 14,12
Hier ist Geduld der Heiligen! Hier sind, die da halten die Gebote Gottes und den Glauben an Jesus!
ja nicht an verschiedene Personengruppen, wie du mal andeutetest (10 Gebote für die Welt; Christen seien frei"). Das geht sprachlich und inhaltlich nicht. Auch brauchen wir keine „antipaulinischen" Verse der Schrift bemühen, sagt Paulus doch selbst in
Korinther 7, 19
Beschnitten sein ist nichts, und unbeschnitten sein ist nichts, sondern: Gottes Gebote halten
Nicht zuletzt zeigt uns ja
2. Joh. 1, 6 Und das ist die Liebe, dass wir leben nach seinen Geboten,
wie wir Jesu Wort aus
Matth. 5, 17 ff. aufzufassen haben:
"Ihr sollt nicht meinen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis alles geschieht..."
(erfüllen von vollfüllen, nicht von beenden, auch Römer 3, 10 wird von der Wortstellung her falsch übersetzt: Denn statt
„So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung",
(was die heutige Irrlehre impliziert), muss es heissen:
„Des Gesetzes Ausfüllung ist aber die Liebe"
was einen ganz anderen theologischen Kontext aufzeigt. Alle „Freiheit vom Gesetz", wann immer die Schrift sie bezeugt, deutet auf die Gesamtheit der 613 jüdischen Regeln hin. Diese Gesamtheit gilt nicht mehr!
Jesus sagte ja in Matth. 7, 21 ff. nicht, wie Luther und seine Jünger es gern hätten:
Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr! in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel. Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt? Haben wir nicht in deinem Namen böse Geister ausgetrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viele Wunder getan? Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch noch nie gekannt; weicht von mir, ihr Übeltäter!
sondern der Satz endet, wie wir ja wissen, mit:
Vers 23 "Ich kenne euch nicht Weg von mir, ihr Übertreter des Gesetzes."
oder eben genau: „Ihr Täter der Gesetzlosigkeit" (anomia)23και τοτε ομολογησω αυτοις οτι ουδεποτε εγνων υμας αποχωρειτε απ εμου οι εργαζομενοι την ανομιαν
Wir Christen müssen aufhören, beim Übersetzen schwammig und passend-gemachte Bibelstellen zu fixieren und dann aus Galater- und anderen Briefen das Gegenteil herauslesen, was dort gemeint ist.
Natürlich meine ich nicht die 613 Regelungen des AT. Mir kommt es auf die 10 Gebote, den Dekalog, die beiden mosaischen Tafeln.
Sie waren vorher und bleiben ewig, sonst brauchten sie ja nicht separat sein und „das Gesetz?" heißen.
Meine weitreichende Publikation dazu erspare ich dir hier, weil ich nicht weiss, wie ablehnend du diesem Thema gegenüber bist und wie wenig Zeit du hast. Hier verweise ich auf Jesaja 24 und auch die historischen Quellen über das Urchristentum (z.B. auch Bilderverbot).
Auch glaube ich nicht, dass wir „durch das Halten der Gebote" gerettet werden (dieser blödsinnige Vorhalt kommt ja immer mal). Aber die Bibel ist Gottes heilige widerspruchslose Wort und als Paulus vom Halten der Gebote Gottes sprach, vergass er ja nicht etwa, dass er eigentlich genau das Gegenteil von uns verlangt! Als der Jüngling Jesu Antwort hörte:
Halte die Gebote (Matth. 19,17)
wurde ihm ja nicht gesagt,
-entweder Gebote halten (mit dem Hintergedanken, „wirst schon sehen, wie du da Schiffbruch erleidest")
oder
-an Jesus glauben (im Sinne der von Jesus gewünschten Alternative),
sondern
„Halte die Gebote!
und später:
„Eins fehlt dir noch, - folge mir nach"
und nicht etwa: „Oder folge mir nach".
Dass Jesus zu diesem Zeitpunkt sein Werk noch nicht vollbracht hatte, spielt bei der Betrachtung keine Rolle. (Es wäre geistlos und könnte an vielen Beispielen widerlegt werden!)
Lieber Richard, ich weiss, was z.Z. im Glauben los ist, wieviel Besserwisser, Neunmalkluge, Spinner, Dummköpfe und allerlei Ungeister ihr Unwesen treiben und dass das letzte, was eine Gemeinde jetzt braucht, Streit ist.
Aber diesen Streit braucht sie, sonst kommt dieser böse unbarmherzige Tag, der nichtwidergutzumachende, das unsägliche Erschrecken, an dem Jesus zu uns sagt: ich habe euch nicht gekannt, ihr Täter der Gesetzlosigkeit. Und niemand wollte hören, niemand hatte darüber beten und fasten gewollt, alle waren sich sicher und haben gelacht.
Ich möchte da schon auf der richtigen Seite stehen. Möchtest du mir deine Meinung mitteilen oder mich einladen?
Du wirst sehen, dass ich nicht streitsüchtig bin, eben nur Theologe mit der Bibel für die Bibel nach der Devise: Ich stehe hier und kann nicht anders. Die Kirche muss zurück zu ihren Wurzeln vor der Zerstörung durch Kaiser Konstantins Gegenkirche (du weisst), zur vorbehaltlosen Liebe zu Jesus ohne Geiz, Einzelgängerei, aber auch ohne Anti-Theologie, denn das ist keine Lösung, da sind wir uns ja einig! (Sonst hätten wir eine Gemeinschaft der Beliebigkeit, einige Leugnen die Dreieinigkeit - ich meine hartnäckiges Leugnen mit Konsequenzen, wie die Zeugen Jehovas -, andere sehen sie aus der Schrift; das wird eine schwierige ecclesia! Viele Grüße und Gottes
Segen euch allen!
1 Satan hat ja leider viele Gemeinden mit der Irrlehre vergiftet, Streit im Sinne von lateinisch: "Controversus" (normale, notwendige Auseinandersetzung) und Streit im Sinne von „contentione" (Streitsucht, z.B. Phillipper 1,15; Jakobus 3,14; Römer 2,8) als dasselbe hinzustellen.
2 Ich verschone dich an diesen Stellen mit der üblichen Kanonade von Bibelstellen. Du bist Theologe genug und ich schreibe dir ja nicht, ab meine ich, du hättest Gottes Geist nicht, oder als wärest du ein Häretiker, sondern als Bruder in Christus.
Tags: Schutty, anomia, Gebote, Täter der Gesetzlosigkeit, Gesetzlichkeit, Gnade, Bilderverbot, Dekalog, Liebe, Peter Schreiber


