Kurzpredigten
Die Sache mit dem X und dem U
von Peter Schreiber
"Jemandem ein X für ein U vormachen" ist ein altrömisches Sprichwort, das heutzutage bekannt ist in der Bedeutung "Lass dich nicht hinters Licht führen", "Lass dich nicht betrügen", "Schau genau hin, wenn man dir was vorrechnet". Und so wars auch damals gemeint.
Was aber ist mit dem X und dem U? Um alte römische Inschriften zu erklären muß ich stets so beginnen: "Du weisst ja, dass es im altrömischen Alphabet kein U gab, sondern dass das als V geschrieben wurde..." Und fast immer die gleiche Reaktion: ungläubiger Blick, hochgezogene Augenbraue... Das gleiche gilt auch für J und W. Noch nie gesehen?? Liebe Leute... Also jeder von euch weiß, dass die altrömische Schrift nur Großbuchstaben hatte und kein U kannte.
Die Sprache kannte natürlich das U und das schrieb man V!
(Also sprich U, und nicht F oder W.)
Ok, hier ein paar Beispiele, dann ist auch diese Wissenslücke beseitigt:
In altrömischen Schriften ist kein "U" zu entdecken...
[...der Buchstabe "u" hat sich erst mit der Einführung von Kleinbuchstaben etabliert]
Einzeln anklicken!
Diese vier Beispiele dürften ausreichen, um den Gedanken zu belegen. Mehr Inschriften kann jeder leicht finden...
Alles klar?
Und Imperium Romanum sieht klassisch so aus, stimmts: IMPERIVM ROMANVM
und Caesar Augustus so: CAESAR AVGVSTVS
anklicken!
Am Bild der Papstkrone (Tiara) schrieb jemand, "U und V haben im Lateinischen den selben Zahlenwert. Eigentlich falsch erklärt. [Der mathematische Aspekt bleibt aber richtig!] Denn diese Aussage impliziert, dass es ein U und ein V gegeben hat, die außerdem den selben Zahlenwert hätten... Er hätte schreiben sollen: Ganz früher schrieb man das so: VICARIVS FILII DEI und man stellte sich V (das wir heute gern als W benutzen) sprachlich als ganz kurzes "U" vor, was dann bei dem Wort VICARIVS so klingt [französisches] "oui"-carius. Noch Fragen? Oft hört man auf die Frage, wie denn entschieden wurde, ob V zum U wird: Dies interpretierte man beim Lesen, da man das merke... Genaugenommen ist das verkehrt, da es unterstellt, das V sei zuerst und primär unser heutiges V! Das römische V ist sprachlich primär unser U! Also das V war grundsätzlich das, was wir heute gern bildlich als U darstellen; aber nicht etwa breit sprechen; also nicht Uh..hi ca..rius. So versteht sich auch, wenn selbst Luther manchmal noch "König Dauid" schrieb! Da war kein Unterschied.
Wir denken heute durch die verkehrte Schulbildung beim Sprechen zu buchstabenbezogen und es soll sogar immer noch Leute geben, die über die sächsische Sprache lachen. [Wenn ich hier "sächsische
Sprache" sage, meine ich nicht den Anbiederungstanz, den sächsische oder möchtegernsächsische Komiker auf der Bühne betreiben. Und: Es zeugt schon von Dekadenz und geistiger Undifferenziertheit, wenn
man zu hören glaubt, die Sachsen sagen "Griminalbolizei" und "Gardoffeln". Sachsen haben eine andere, eigene Feindifferenzierung zwischen G und K oder zwischen B und P. usw. (Ich persönlich habe den
Eindruck, dass deshalb dort auch die bessere Musik gemacht wird.) Tipp: Mal nicht nur fernsehen! Altes Sächsisch war vor 500 Jahren sogenannte deutsche Kanzleisprache. Und die ist geistig viel
eindeutiger als die heutige "Jedes-Wort-und-jede-Silbe-ist-gleich-breit"-Sprache. Altes Sächsisch ist fast englisch, und darüber lacht doch auch keiner, oder?]
Aber nun zurück zum X und U.
Wenn also der Römer sagte: "Du machst mir ein X für ein U vor.." wie? ja richtig, es muss ja so geschrieben werden: "...ein X für ein V" [sprich aber: U] , dann meinte er das ursprünglich in
rechnerischem Sinn, denn die Römer rechneten mithilfe der Buchstaben. Wir wissen ja: X = 10; V = 5 usw.
Da kann man ganz schnell mal das V unten etwas verlängern, damit es wie ein X wirkt, oder eine zufällig unsaubere Schreibweise ausnutzen, um das Ergebnis zu verfälschen. Wir kennen das von
unseren arabischen Ziffern; wie oft muß man bei einigen Zeitgenossen rätseln, ob es eine 6 oder eine 0 sein soll...
Je sauberer die römischen Ziffern geschrieben sind, desto mehr fällt auf, wenn einer am V rumgekritzelt hat; denn die nachträglichen Verlängerungen unten passen nunmehr nicht ins Gesamtbild.
Es versteht sich von selbst, dass dieser unehrliche Trick zum Sprichwort, zur Redensart wurde, um Täuschungen treffend zu beschreiben.
Wieviel war denn nötig, um aus der 5 eine 10 zu machen? Zwei kleine Strichelchen, nicht zu lang. So ist es auch in den Kirchen und Gemeinden. Die heutigen Prediger machen uns ein X für ein U vor, wo immer sie wollen. Es sind die verkehrten Kleinigkeiten, auf denen sie dann stolz ihre Behauptungen aufbauen. Und das haben sie fleissig studiert. Lasst euch auch in den Gemeinden kein X für ein U vormachen, wenn es heißt, ihr sollt keine Gebote halten...
Tags: X, U, Inschriften, römisches Sprichwort, Sprichwort, VICARIVS FILII DEI, Gebote halten, Papstkrone, Tiara, Peter Schreiber


