Mr. Spock
Fair bleiben
bibelpoint:
Mr. Spock, was denken Sie, wovon der Umgang mit der Bibel heutzutage geprägt ist.
Mr. Spock:
Da ist etwas, was mich sehr ärgert. Und zwar gibt es da so eine Art kollektive Unfairness in der Betrachtung der Aussagen. Da werden Widersprüche hineininterpretiert, die ohne krause Gedanken garnicht im Raum standen. Und statt zu sagen: "Stopp, das ist doch kein Argument", reibt man sich lieber die Hände...
bibelpoint:
Welches Beispiel halten Sie für typisch?
Mr. Spock:
Sehen Sie, wenn 4 oder 8 Kinder ein Fest besuchen und dann abends zuhause berichten, was sie erlebt haben, dann erwartet kein vernünftiger Mensch, dass jedes einzelne Kind die gleichen Worte benutzt oder gar die gleiche Reihenfolge einhält. Das erste Kind wird vom Clown mit den großen Schuhen und der bunten Kleidung reden, von der Limonade, die so schön rot aussah, von den Luftballons, von denen auch einer geplatzt ist;
ein anderes Kind redet von den Musikanten und dass sie das Lied "Dornröschen war ein schönes Kind" gesungen haben, redet auch vom Clown, aber nicht von seiner Kleidung, sondern welchen schönen Witz er gemacht hat;
das nächste Kind berichtet von Würstchen mit Senf und den Luftballons, wobei es nicht berichtet, dass ein Ballon geplatzt ist, weiter von dem Mann mit der großen Fliege, der immer zwischen den Darbietungen am Mikrofon geredet hat; dass dabei manchmal die Tonanlage übersteuerte und so ein lautes Fiepsen aus den Boxen kam, findet dieses Kind nicht wichtig und so weiter.
Kein vernünftiger Mensch käme nun auf die Idee, dass die Kinder lügen würden oder allesamt garnicht auf dem Fest waren und sich schlecht abgesprochen hätten, was sie sagen sollen.
Genau nach diesem Prinzip sind die vier Evangelien geschrieben und es ist in höchstem Maße unfair und dumm, aus dieser Sachlage ständig Beweise herauslesen zu können, dass die Evangelien sich widersprechen würden.
bibelpoint:
Mr. Spock, kann ich Sie so verstehen, dass wenn die vier Evangelien alle exakt die gleichen Inhalte hätten, wir ja nur eins bräuchten?
Mr. Spock:
Genau, der Sinn der vier Berichte besteht ja gerade in der Art, wie wir es am Beispiel der Kinder gesehen haben, eine Art "Zusammenschau", wobei Dopplungen oder fehlende Elemente kein negatives Indiz sind.
Bleiben wir doch noch mal beim geplatzten Luftballon. Lügt ein Kind, weil es dem geplatzten Luftballon keine Beachtung schenkt, also die Luftballonsache nicht ausfaltet? Können wir dem anderen Kind, das erzählt, wie diese Luftballons aufgeblasen wurden, also an so einer Gasflasche, wo ein Aufkleber drauf war, sagen: "Seltsam, dass die anderen Kinder davon nichts berichten?"
Nein. Denn das wäre völlig unlogisch.
Bezüglich der vier Evangelisten höre ich aber dieses Argument recht häufig, wenn es darum geht, wer was gesagt oder gesehen hat.
bibelpoint:
Das sind dann meist ungläubige Leute, die jedes zufällige Beweislein heranzerren wollen?
Mr. Spock:
Seltsamerweise nicht so sehr. Die Nebenerklärung: "Steht nur bei Matthäus" oder entsprechend, wird auffällig oft in offiziellen Publikationen der katholischen Kirche benutzt.
Zwar sagt man an diesen Stellen meist nicht explizit dazu, dass folglich dem Bericht nicht zu trauen ist, aber da gesagt ist: "Nur Matthäus berichtet", hat der Autor im Kopf des Lesers schon das Implikat gesetzt, dass es da an Sorgfalt des Evangelisten wahrscheinlich mangelt.
Und wenn dann noch hier und da nachgeschoben wird:
"Es wäre doch ganz typisch, dass gerade Lukas davon berichtet hätte..."
dann ist ein Gift in die Betrachtung gebracht, das ich schlicht und ergreifend nur unfair, unkorrekt und dumm nennen kann.
Logischerweise greifen dann die Leute, die von der Bibel nichts verstehen und etwas zanken wollen, zu genau solchen Argumenten.
bibelpoint:
Weil sie nicht an Gott glauben und jedes Argument nutzen würden, auch wennn es das dümmste wäre?
Mr. Spock:
So ist es. Deshalb wollen wir in den weiteren Gesprächen immer wieder das Thema unfaire Argumentation mit hinein nehmen.
bibelpoint:
Dann für heute vielen Dank und Shalom, Mr. Spock.
Tags: Mister Spock, Bibel, Argumente, Zusammenschau, Unfairness, unfair


